Basstöne der Natur / Teil 2
Notizen zur Bildhauerei der Martina Benz

Wenn wir uns also angesichts der Bildhauerarbeiten von Martina Benz des Themas „Leiblichkeit, wie es die Natur spiegelt“ versichern, stoßen wir auf die Überlegung, welches wohl ein denkbar schönstes Urbild dieser besonderen menschlichen Weise, die überwältigenden Welt in Erträglichkeit zu zwingen, sein mag und verfallen auf den Gedanken, dass nichts dem Urbild mehr entspricht als der . Dessen reinste Idee wiederum ist die Wicklung. Und eben dieses skulpturale Element steht im Mittel einer ganzen Serien von Ein-Raum-Arbeiten, sogenannt, weil scheinbar eine viel zu gewaltige Arbeit in einem viel zu kleinen Raum installiert wurde, in denen die einzelnen Steinstränge aus einem gemeinsamen Ursprung heraus sich ineinander verketten und verwickeln, dabei in ihrer gesamten Gestalt dem Stilleben einer schlagartig ablaufende Verbrennung ähneln und den Eindruck erwecken als drückten sie an die Wände des Zimmers. In den Wicklungen wird die Kraft des Gewichtes und des Falles derart abgeleitet, dass ein Strang den anderen trägt, Lasten verteilt werden, und da alles, was miteinander verwoben ist, die Eigenschaft hat, vom Ganzen zu vielem, über das Wenige zum Nichts zu reichen, erlahmt die Kraft an sich selbst, wird starr, zerbricht in Teilen, allein die bezwingende Schraube beherrscht das Regiment der Bewegung. Statik, üblicherweise ein Begriff aus der Kunstwelt des Bauingenieurs, scheint in seiner Bedeutung einer Verfestigung ausufernder Struktur auf und wird zu einem Wort, dass Leiblichkeit zum Ausdruck bringt. Bis zu dem Zeitpunkt, wo die einzelnen Wicklungen ihr Werk am Statischen nicht mehr verrichten können, gerinnt die Kraft des Falles und des Sturzes zu einer ausgewogenen Form, wie es ein Glas tut, wenn es das nach allen Seiten dringende Wasser im Behälter fasst, in alle Richtungen solchermaßen aufgestellt und aufgezogen, dass sich Struktur und Kraft zu einem Gebilde vereint, welches wir statisch nennen und dem ein elementares Leibgefühl entspricht. Die Wicklung, so erkennen wir an diesen, ist ein vorzüglicher Zeuge der menschlichen Balance. Es ist eine verwickelte Angelegenheit, nicht zu stürzen.

Eine Ausstellung im konzentriert sich ganz auf die kultivierende Kraft des Leiblichen, wie sie den Strom des Gewaltigen schmiedet und formt. Zu jeder Arbeit ließe sich der Titel einer Tat des Herakles finden, das Wilde wird gebrannt, erlegt, eingefangen, gebändigt, gezähmt, durch den Stall geleitet. Zieh die Kraft über den Ellenbogen oder hebe ihre Ausläufer übereinander, verbinde das Drückende und Zerrende in einem Zuge, so dass nichts kippen kann. Wenn es kippt, dann ist es schlecht gearbeitet worden, wenn es hält, dann hat es seine einzig mögliche Form gefunden und stellt das dar, wofür das Wort Schönheit benutzen. Es benötigt zwei Arbeiter, um das Ausufernde zu verschließen, und das Stürzende zu halten, denn das Gebilde muss einen Ursprung und einen Auslauf haben. Martina Benz vernäht das Ausufernde und man möchte meinen, diese Kunst sei eine Art Wasserweben, aber sie benutzt das bestmögliche Material für dieses Anliegen, den Stein. Ein unbestechliches Auge erkennt die Ordnung in der Verschraubung und Verwicklung und gleichzeitig eine Kraft, die immer noch wirkt. Diese erreicht den Betrachter eingefangen und zusammengezogen und zwar in der Arbeit, die wie eingefroren in den verwickelt Strängen abgelagert erscheint. Die Bändigung des Sturzes und des Falles, die Bearbeitung der Kraft erfüllt uns, und wir fragen uns bei jeder Skulptur in den Räumen der Ausstellung: Wie ist das Ungetüm besiegt worden?

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