Basstöne der Natur / Teil 3
Notizen zur Bildhauerei der Martina Benz

Doch Ungetüme bilden nur das vorerst letzte Kapitel in den Arbeiten der Bildhauerin, angefangen hat die Serie mit den auf Strang oder Seil aufgezogenen Pflastersteinen mit der Skulptur . Granit und Stahl tragen das Steingeflecht und was in unserer Vorstellung im Wind wiegt, hängt hier hinab, auf einen Punkt zielend. Das Schaukeln erfährt  eine Last, die leichte Matte hängt schwer und versteinert in der Luft. Das im Wind wiegende Geflecht erstarrt, der denkbar leichteste Lagerplatz wird zum Ort eines harten Aneinanderreibens. Stärkeren Wind wünscht man sich, damit das Schaukeln wieder seine Kraft fände, doch die schweren Pflastersteine werden hinabgezogen auf einem Punkt. Was schweben sollt, stürzt nun hinab. Der Betrachter spürt das Feste im Flüchtigen.  Nur schwer ist zu sagen, ob das Schwere leicht oder das Leichte schwer ist. Für die Bildhauerin Martina Benz ist es jedoch eine zu bearbeitende Schwere. Sie wirft sich die Steinstränge über die Schulter, zieht sie dann vor sich auf die Höhe ihres Kopfes, immer in der Gefahr das Gleichgewicht zu verlieren und schließlich in einem Ruck auf die Aufhängung.

Jede Steinwicklung von Martina Benz hat einen Punkt, wo die Skulptur von einem auf den anderen kippen oder fallen kann. Wenn nur ein Element, ein aufgereihtes Steinzeug in eine falsche Position gerät, bringt es das ganze Geflecht zum Zerfasern. Was wir sehen, ist der mögliche Sturz der Steine, das Erkaltete stellt sich zueinander, mag aber im nächsten Moment im Fall befindlich zu sein. Die sich lösenden Kreise eines Tropfens, wenn er auf eine Wasserfläche trifft, bilden das bildhafte Gegenstück zu dieser Gestalt zueinanderplacierter Schwere, die im ganzen kippen oder rollen kann. Wenn man so will, beschreiben die Plastersteinarbeiten der Bildhauerin Martina Benz Tropfen in einer Steinwelt.

Und so wie Tropfen sich zu Wasser verhält und die Blase der Wasserwaage zu Stein   - besonders  deutlich in den zu erkennen - so verdeutlicht die Serie mit Stühlen die Beziehung zwischen Sitzen und Unterwegssein. Wie Behälter von deponierter Lebensenergie erscheinen uns die riesigen Steinstühle, aufgestellt an zahlreichen Plätzen, in Parks, Straßenecken und in Innenhöfen und erinnern uns an eine unentwegte Rastlosigkeit, die währte, solange wir nicht schliefen. Wo und wann es auch immer seinen Anfang hatte, dass der Körper sich setzte, es war eine Weise, Schwere abzuladen, die Leiden der Unrast. In die Form der steinernen Stühle ist von der Bildhauerin die leibhaftige Rastlosigkeit hineingeschlagen und gelagert worden. Das Gezerre des Unentwegten findet seinen Stillstand und keinen besseren Ort als den Westpark in Braunschweig kann es geben als Umgebung eines solchen Gesteins, einem Ort, wo Stillstand Kultur ist.

Und es gilt, was für alle Arbeiten der Bildhauerin Martina Benz gilt: Ein Bruch mit der Natur ist geschehen. Das Rasende und Wilde sind gefangen und das Flüchtige hat nun alle verwitterte Schwere.

zeigt nicht die Figur des draußen beheimateten Menschen, vielmehr seine Fügung in das Chaos oder wie er die Natur bearbeitet. Er verkettet sie, lenkt ihre Kraft um oder lässt sie hinabstürzen in die Bewegung eines Kreises oder verflachen in die Stille einer Linie. Der Verworfene zieht die Natur auf in Ketten und Blöcken, Figuren entstehen, die in Tanz geraten, in Musik im Klang der Natur sich wiegend und immer in der Sichtweite des Bearbeiters und seinen verbliebenen Spuren. Die neuen Figuren sind nicht mehr die einer wiedererkennbaren äußeren Welt. Ein Auge wird auf den Leib geworfen, der sich selbst nicht besehen, verhören oder befühlen kann. Diese Figuren sind in erster Linie rhythmisch und wenn man genau wahrnimmt, dann entdeckt man das Leibliche oder den unentwegte schwingenden Basston der Natur.

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