Basstöne der Natur / Teil 1
Notizen zur Bildhauerei der Martina Benz

Der Stein steht in den Nischen der Zivilisation von Anbeginn als Wall, Wand, Werkzeug oder als reines Zeichen der Sesshaftigkeit. Er fängt die große flüchtige Bewegung und zerquetscht sie zu Blöcken. Mit keinem Bild wird dieser Prozess der Erdhaftigkeit deutlicher vor das Auge gebracht als durch das der Sanduhr, in deren Enge die Zeit zerrieselt. Die Beschaffenheit des Steines  als abgekühlte, gepresste Erde, als eingefrorene Vergangenheit, als kräftespeichernder Vermittler zwischen Natur und Kultur, zwischen roh und bearbeitet, begünstigt ihn wie kein zweites zu einem künstlerischen Material, geeignet, die Weise der Sedimentierung zu zeigen, wie das menschliche Werk an der chaotischen und überwältigenden Natur immerfort beschaffen ist. Die Arbeiten der Bildhauerin Martina Benz zeigen die Schnittstelle, wo Gestein zugleich als eigenartiges Medium wie auch als Referent leibhaftiger Empfindung zu erkennen ist.

Eine Serie zeigt durch ihre radikale Trennung durch die Wand mit aller Klarheit diese Schnittstelle zwischen Chaos und Ordnung. Hinter der Wand wollen wir den gähnenden Ozean vermuten und vor der Wand erkennen wir das Austrocknen  des Meeres in der Form von Tropfen in Rinnsalen. Noch zu spüren ist das Gerinnen der überschäumenden Gewalt in einem kleinen Element, in einem Baustein, der aufgekettet am Seil hängt, am Band der Arbeit eines mit der Hand Werke Schaffenden. Festgezurrt und kraftschlüssig baumelt die Naturkraft ab.

Oder sie ruht auf gerader Ebene wie ein Nachhall des Ohrenbetäubenden, geradeso wie es die uns zeigen, ein letzter geformter Klang  jener Welt des Rauschens, die sich geradewegs in Dur sich verwandelt. Auch hier verfängt sich das Chaotische in ein Netz geschlossener Verkettung. Wie ein Hall stirbt die Bewegung des Sturmes in ein geformtes Lüftchen, das sich Welle für Welle auflöst. Wir hören noch das Reiben eines kolossalen Berges an dem anderen und es legt sich das Unfassbare in eine ruhende Lage auf die Erde, flach niedergedrückt, ausgestreckt und umwickelt.

In den großen Außenarbeiten und tritt hinzu eine Landschaft oder ein Platz, ein Raum, in der das Leibliche hineinflutet und sich bricht ineinander oder in der es ausläuft bis zur Bewegungslosigkeit. Die zueinandergesetzten Stränge aus gekanteten Plastersteinen durchfahren den Raum in Wellenschlägen und sind doch zugleich bewegungslos. Wie Schnappschüsse der unendlichen Zeit, die uns an einen Raum erinnern ohne Horizont und Vertikale, vermitteln uns diese Objekt den Verlust der Empfindung, als der Mensch noch in der Lage war, in scheinbare unbegrenzte Landschaft zu schauen. Zugleich entdecken wir in den gepflasterten Wellen, wie in einem Spiegel, eine Umwelt wieder, die ebenso wie die aufgezogenen Bausteine, die Eigenschaft von bearbeitetem Gestein aufweist, beschnitten, gekantet, gelegt und zueinander gesetzt.

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